Die Wedernoch

Stefan Bachmann – Die Wedernoch

Ihr Lieben!
Dass ich kein Freund von irre langen Buchreihen bin, habe ich vielleicht schon mal erwähnt? Meinem persönlichen Geschmack entsprechen meistens eigentlich Trilogien. Drei ist doch eine schöne Zahl. Vier Teile einer Reihe empfinde ich meist auch noch als harmonisch – aber wie sieht es mit einem Zweiteiler aus? Genau das kann ich euch nun berichten, denn ich habe frisch Stefan Bachmanns „Die Wedernoch“ beendet – die Fortsetzung zu „Die Seltsamen„.

Jahre sind vergangen, seit das Feenportal in London in der letzten Sekunde geschlossen und die Stadt gerettet werden konnte. Jahre, in denen Feen und Seltsame aus Englands Hauptstadt vertrieben worden sind, in denen die letzten Verbliebenen gejagt und in Gefängnisse gesteckt wurden und in denen ein Krieg zwischen den magischen Wesen und den Menschen unaufhaltsam scheint. 
Das kleine Mischlingsmädchen Hettie, welches im Alten Land gestrandet ist, ist inzwischen in die Hände einer launischen Sidhe gefallen und kämpft an deren Hof um ihr Überleben. Immer kleiner wird ihre Hoffnung, jemals wieder nach Hause zu gelangen. Haben sie nicht inzwischen alle vergessen? Nahezu. Einzig ihr Bruder Bartholomew versucht seit ihrem Verschwinden verzweifelt sie wiederzusehen. Doch das kann nur der einäugige Straßenjunge Pikey Thomas – obwohl er auf diese Gabe gerne verzichten würde…

„Pikey Thomas rannte um sein Leben. Es war ein klarer, heller Tag, die Kälte so scharf wie ein Messer, aber trotzdem konnte er fast nichts sehen. Die Schnur, die die Klappe über seinem schlimmen Auge hielt, war verrutscht. Der uralte Lederflicken klatschte ihm ins Gesicht, raubte ihm die Orientierung. Pikey prallte gegen ein Abflussrohr, wirbelte unbeholfen herum, rannte weiter. Hinter sich hörte er ein Glöckchen bimmeln; es war ihm dicht auf den Fersen und schepperte wie wild. Vor ihm befand sich der Abwassergraben. Er sprang hinein und rutschte schnell wie der Blitz über den gefrorenen Schmutz hinweg. Der Graben endete in einem rostigen Gitter. Pikey sprang darüber hinweg und lief, ohne zu zögern, weiter. Seine Finger griffen nach der augenklappe, mühten sich verzweifelt, die Schnur festzubinden, aber sie wollte einfach nicht halten, und er durfte auf keinen Fall stehenbleiben. Alles würde nur noch schlimmer werden.“

Die Wedernoch, S. 23.

Der junge Autor Stefan Bachmann bleibt seiner Erzählweise treu. Folgten wir in den Seltsamen noch Arthur Jelliby und Bartholomew Kettle durch die Wirren Londons, so schauen wir in der Fortsetzung nun dem Straßenjungen Pikey und der kleinen Hettie über die Schulter. Damit verschiebt sich der Fokus der Hauptpersonen eindeutig, tauchen Bartholomew und Mr. Jelliby doch erst in der zweiten Hälfte wirklich auf. Ein spannender Kniff, den Bachmann hier gewählt hat. 
Die gesamte Szenerie ist zudem komplexer und realer geworden. Mag es an dem bedrohlichen Unterton liegen oder an den beeindruckenden neuen Erfindungen – hier insbesondere die Feengefängnisse – die Welt, die Bachmann kreiert hat, schafft es im zweiten Teil griffiger und fesselnder zu sein.
Ein wichtiger Grund dafür ist wahrscheinlich die Entwicklung, die zum einen seine Figuren – hier insbesondere Hettie – und zum anderen aber auch sein Schreibstil merklich durchlebt haben. Um einiges ausgefeilter kommen die knapp 400 Seiten des Romanes daher und halten den Spannungsbogen stets aufrecht. Mit neuen Ideen und ausgeklügelteren Handlungswendungen führt Bachmann den Leser durch die Kriegswirren, bis er zusammen mit Bartholomew, Pikey und Hettie gemeinsam die Wurzel allen Übels erreicht: den schlauen König.

Mein Fazit: Das, was sich in den Seltsamen schon als Debüt-Werk sehr stark angekündigt hat, setzt sich in den Wedernoch erfolgreich fort. Der Stil des jungen Autors hat sich präzisiert, die Gedankengänge kommen noch klarer heraus und der Lesegenuss ist dabei definitiv noch gestiegen. Wem die Seltsamen vielleicht noch etwas zu kindlich geprägt waren, der wird in den Wedernoch definitiv eine Entwicklung zum Positiven ausmachen können. Eindeutige Leseempfehlung!


Die harten Fakten: 

Stefan Bachmann – Die Wedernoch.
16,90 €
erschienen im Diogenes Verlag
ISBN: 978-3-257-06906-8

Ich bedanke mich beim Diogenes Verlag für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares! 

4 Gedanken zu „Stefan Bachmann – Die Wedernoch

  1. Centi

    Das klingt ja gar nicht schlecht – obwohl es mir ein bisschen zum Hals raushängt, dass jedes zweite verdammte Fantasybuch in London spielen muss (insbesondere, wenn es ein deutscher Autor geschrieben hat). Es gibt doch noch mehr Städte auf der Welt! 😉
    Danke für den Tipp – ist ja vielleicht auch was für Weihnachten. =)

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    1. palandurwen Artikelautor

      *hihi der Autor ist eigentlich halb Amerikaner, halb Schweizer – da finde ich schon in Ordnung, dass das Buch in London spielt ^^ Und es ist auch nicht das London wie wir es kennen *g
      Aber grundsätzlich finde ich es definitiv eine gute Reihe und somit sicher auch etwas zu Weihnachten. Aber dann auch beide Teile, denn ohne den 1. versteht man die Fortsetzung dann doch eher schlecht ^^

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  2. Goldkind

    Ich bin ja der Typ – je länger desto besser. XD
    Zwei Teile wären mir schon fast zu kurz.

    Zu den Wedernoch: Ich bin ehrlich gesagt reichlich verwirrt, was die kleinen Knirpse hier jetzt sein sollen, Menschen sind es ja wohl nicht? ^^° Vielleicht hätten mir ein, zwei Sätze zu Teil 1 noch mal ganz gut geholfen.
    Aber grundsätzlich find ich, dass es gar nicht so uninteressant klingt, was du da so berichtest.
    Schade, das ich noch so viele andere Sachen auf meinem Lesestapel habe!

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    1. palandurwen Artikelautor

      Es handelt sich grundsätzlich um Kinder. Pikey ist ein Menschenjunge, dem aber von einer Fee ein Auge gestohlen worden ist. Bartholomew und Hettie sind Geschwister und Mischwesen (Mutter Mensch, Vater war ein Feenwesen), auch "Seltsame" genannt. Ich hoffe, das hat es jetzt nochmal kurz erklärt 🙂

      Wenn dein Lesestapel irgendwann doch mal wieder kleiner werden sollte, leih ich dir die Bücher gerne mal aus, weißt du ja 😉

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