Das Mädchen mit dem Haifischherz

Jenni Fagan – Das Mädchen mit dem Haifischherz

Ihr Lieben!
Schon einige Wochen vor der Buchmesse habe ich in einer Zeitschrift eine winzig kleine Ankündigung von zwei Büchern gelesen, die ich unbedingt haben wollte. Die knappen Inhaltsangaben und die kurzen Einschätzungen schlauer Leute haben mich angefüttert, verlockt und begeistert, weswegen ich also beide Verlage kontaktierte. Und siehe da – wenige Tage später hatte ich bereits das erste Objekt meiner Begierde in den Händen und möchte euch dieses nun endlich vorstellen: Jenni Fagans „Das Mädchen mit dem Haifischherz“.

„Ich bin ein Experiment. Ich bin es immer schon gewesen. So viel ist sicher, einfach Fakt. Sie beobachten mich. Nicht nur in der Schule oder während der Sozialarbeitergespräche, vor Gericht oder in den Haftzellen – sie beobachten mich überall. Sie beobachten mich, wenn ich mich kopfüber vom längsten Ast der Eiche baumeln lasse; ich kann stundenlang so bleiben, einfach nur Wünsche an mir vorbeiziehen lassen. Sie beobachten mich, wenn ich den Mond mit meinem Blick bezwinge. Seine schreckliche Nacktheit macht mir keine Angst. Sie sind da, wenn ich mich prügle, wenn ich ficke und wenn ich wichse. Wenn ich meinen Namen in Bäume schnitze und wenn ich es vermeide, auf Ritzen zu treten. (…) Sie beobachten mich, wie ich nicht heule. Sie beobachten mich, wie ich mit Unschuldsmiene Lügen erzähle und meine dreckigen Füße vor ihnen verstecke. Sie beobachten mich, das weiß ich, und es gibt keinen Ort – der ihrem Blick verborgen bleibt.“
Anais sitzt auf dem Rücksitz eines Polizeiautos und betrachtet ihre blutverschmierte Schuluniform. Angeblich soll sie eine Polizistin ins Koma geprügelt haben, weswegen sie nun in das Panoptikum, eine Besserungsanstalt für schwererziehbare Jugendliche kommen soll. Nur erinnern kann sich das fünfzehnjährige Mädchen an nichts. Sicherlich, ihre kriminelle Laufbahn ist kein Kindermärchen – aber Kinder, Kranke und Alte würde sie nie verprügeln – und jemanden fast totschlagen erst recht nicht! Da hat sie ihre Prinzipien.
Doch das Experiment hat sie auserkoren, ihr das Leben schwerstmöglich zu gestalten, um sich an ihrem Leid zu ergötzen. Davon ist sie überzeugt. Aber nicht mit Anais! Sie legt durch ihre Sturheit, Fantasie und Intelligenz einen Überlebenswillen an den Tag, der alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen scheint. Im Panoptikum findet die Waise endlich eine Zufluchtsstätte sowie in den anderen Jugendlichen eine Art Familie, die sie so lange schmerzlich entbehren musste. Und gerade, als Anais zu glauben beginnen möchte, dass sie doch kein im Reagenzglas gezüchtetes Experiment ist, sondern ein echter Mensch – verschwindet eines der Mädchen und ihre Welt beginnt erneut einzustürzen…
In ihrem Debütroman hat sich Jenni Fagan eine Heldin ausgedacht, die auf den ersten Blick als keine solche erkannt werden würde. Die Antirolle ist dem Mädchen so in Fleisch und Blut übergangen, ja, ihr regelrecht auf den Leib geschneidert, dass sie nicht nur in der fingierten Romanwelt damit aneckt. Auch im richtigen Leben wirkt Anais äußerst taff, um nicht zu sagen rotzig, provokant und höchst aggressiv. Es ist schon nahezu anstrengend, wie hart und ehrlich sie daherkommt. Man kann es ihr fast nicht glauben, dass Lebensumstände so etwas aus einem Kind machen. Insbesondere die derbe Sprache ist zu Beginn sehr einschüchtern, regelrecht abschreckend. Für meinen Geschmack wäre hier weniger mehr gewesen, denn wie sich im Laufe des Romans zeigt, wirkt die Geschichte mindestens genauso stimmig, wenn nicht meiner Meinung nach sogar fast noch etwas authentischer, mit einigen Flüchen und Fäkalausdrücken weniger. 
Generell hat man beim Lesen den Eindruck, dass sich die Autorin erst etwas warm schreiben musste. Dümpelt das Geschehen anfangs noch zwischen Kindheitserinnerungen, Drogenexzessen und wirren Eindrücken aus Anais Perspektive herum, so wird die eigentliche Aussage mit der Zeit immer klarer. Denn insgesamt stellt „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ allem voran einen herzergreifenden Aufruf der Vergessenen dar, eine tieferschütternde Anklage des Systems. Und schließlich zeigt sich, dass Anais die einzig mögliche, einzig richtige Heldin dieses Romans sein konnte. In ihrer Unsicherheit und Verlorenheit – der Identitätskrise, wie die Erwachsenen es umschreiben – spiegeln sich unzählig viele Schicksale wider. Doch so trostlos das Leben auch mit ihr umspringt – sie verliert nie ganz den Glauben an sich und daran, dass sie es wert ist, ein gutes Leben zu führen. Jeder Mensch hat das – und wenn keiner dich wie ein Mensch behandelt, so kann durchaus der Glaube daran verloren gehen. Aber wenigstens man selbst sollte Vertrauen in sich haben und mit der Überzeugung voranschreiten, dass man Vater und Mutter hat, dass man ein realer Mensch ist und dass man das Gute verdient.

Mein Fazit: Mit ihrer bizarren Mischung aus „Ich habe die Unschuld kotzen sehen“, „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Alice im Wunderland“ zeigt Jenni Fagan die Welt wie sie – leider – sein kann, wie sie – vielleicht – ist und wie sie – hoffentlich – auch werden kann. Wer sich von der zugegebener Maßen stark ausfallenden Sprache nicht abschrecken lässt, kann Teil einer ergreifenden Suche und eines leidenschaftlichen Kampfes werden, den zu begleiten ein Erlebnis ist. Lesenswert!

Die harten Fakten:

Jenni Fagan – Das Mädchen mit dem Haifischherz.
19,95 €
erschienen im Antje Kunstmann Verlag
ISBN: 978-3-88897-925-5



Ich bedanke mich beim Antje Kunstmann Verlag für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares! 

2 Gedanken zu „Jenni Fagan – Das Mädchen mit dem Haifischherz

  1. Goldkind

    Irgendwie hatte ich beim Lesen deiner Rezi das Gefühl, das da auch irgendwelche Scifi-Elemente drin sind (keine Eltern haben, ein Experiment sein) – stimmt das, oder täuscht das grad?

    Ansonsten: Das klingt zumindest dem grunde nach mal nach einem Buch, das ich auch lesen würde… *g*

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    1. palandurwen Artikelautor

      Ich hatte anfangs beim Lesen auch das Gefühl, dass es in die Richtung Fantasy/SciFi gehen könnte – aber das klärt sich dann alles anders auf und ist es dann doch nicht. Aber dennoch finde ich den Einfall dahinter sehr gut!
      Ich leih es dir gerne 😉

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