Dolfie und Marilyn

Francois Saintonge – Dolfi und Marilyn

Ihr Lieben!
Es gibt ja viele Themen, die die Menschheit spalten. Insbesondere, wenn es an das (menschliche) Erbgut geht, sind oft nur die Genetiker so richtig begeistert von ihren Vorhaben. Katalog-Kinder und Dolly das Schaf die alle gemütlich zusammen Gen-Mais mampfen? Na, nicht so die coole Vorstellung irgendwie, oder? Aber was wäre, wenn das Klonen irgendwann doch mal zu unserem Alltag gehören würde – und das in gar nicht all zu ferner Zukunft? Francois Saintonge (ein Pseudonym, hinter dem sich ein bekannter, französischer Autor verbirgt) hat sich genau mit dieser Thematik in seinem Roman „Dolfi und Marilyn“ auseinandergesetz…


Im Jahre 2060 ist Klonen keine unübliche Sache. Historische Persönlichkeiten für den eigenen Haushalt anzuschaffen, ist im Alltag der Menschen angekommen. Und so verwundert sich der alleinerziehende Geschichtsprofessor Tycho Mercier auch nicht, wenn er die Marilyn Monroe seines Nachbarns gelegentlich trifft. Im Gegenteil, heimlich bewundert er seinen alten Jugendschwarm sogar.
Umso verwunderter ist er allerdings dafür, als er einen Klon bei einer Tombola gewinnt und dieser auch noch ein Modell der verbotenen Reihe A.H. ist – Adolf Hitler. Sein Sohn Bruno – ebenfalls mit der väterlichen Faszination für Geschichte infiziert – erklärt „Dolfi“ begeistert zu seinem neuen Spielkamerad. Doch Tycho ist von der Situation nicht erfreut. Seine Versuche, den Klon zurückzugeben, scheitern jedoch kläglich. 
Als dann auch noch die Marilyn seines Nachbarn bei ihm klingelt, völlig aufgelöst, weil ihr Besitzer bewusstlos am Boden liegt, ist das Chaos für den ansonsten so ordentlichen und bescheidenen Tycho perfekt. Denn, was er nicht weiß: Marilyn ist eine illegale Raubkopie aus Südostasien…

„Als ich eintrat, blickte der Klon in meine Richtung, ohne jedes Anzeichen von Neugierde. Er saß ziemlich aufrecht, die Hände lagen auf den Armlehnen, die Beine waren eng angewinkelt. Er presste die knochigen Knie aneinander, die nackt zwischen den Hosenbeinen und den Wollstrümpfen hervorguckten. Er hielt meinem Blick stand, aber ohne dreist zu wirken. Ehrlich gesagt drückten seine Augen gar nichts aus. Sie schienen lediglich zu registrieren, was sich um ihn herum abspielte, ohne eine Wertung vorzunehmen oder einen Kommentar abzugeben. Er war schätzungsweise fünfunddreißig Jahre alt: Hitler zur Zeit des missglückten Putschversuchs von 1923 (…).“
Dolfi und Marilyn, S. 17 f.

Klonen sich als eine völlig normale Alltagserscheinung zu denken, ist eine durchaus spannende Ausgangssituation. Mit einem eigenen Ministerium, den entsprechenden „Aufzuchtbedingungen“ und Gesetzen hat Francois Saintonge eine Szenerie geschaffen, die nicht völlig zusammengesponnen, sondern fast schon möglich erscheint. Der Ausgangspunkt ist also wirklich vielversprechend. Zieht man die beiden illegalen Klone unter dem Dach des Geschichtsprofessors und dessen, seinem Alter weit voraus seienden Sohnes hinzu, wird das Ganze noch köstlicher. Und bis etwa zur Hälfte des Buchs hält der Roman, was er verspricht: Humorvoll und ironisch – sprachlich zudem ausgefeilt – begleiten wir Tycho durch das Chaos, dass seine beiden neuen Hausgäste verursachen. 
Doch dann kippt die Stimmung. Denn was passiert eigentlich mit den illegalen Klonen, wenn sie erfolgreich reklamiert worden sind? Fehlerhafte Ware wird eingestampft. Aber Klone haben doch auch Empfindungen, sie sind doch Lebewesen? Haben sie nicht die gleichen Rechte wie wir? Allein diese Überlegungen heben den Roman aus dem amüsanten Augenzwinkern heraus und bugsieren ihn in eine philosophische Ecke voller Grundsatzfragen, die auch auf aktuelle Situationen der Realität Anwendung finden können.
Das hätte in meinen Augen gereicht, um der Einschätzung der Presse – ein humorvolles, ironisches Lesevergnügen voller Denkanstöße – gerecht zu werden. Doch der Autor wollte gerne noch eine Schippe drauf legen. Denn während ein Klon von Marilyn Monroe wohl kaum zu weltpolitischen Schwierigkeiten führen kann, sieht das bei dem Modell A.H.6 schon anders aus. Saintonge kreiert also in der zweiten Hälfte des Romans eine inzwischen völlig verzerrte Realität, die schon lange nicht mehr amüsant ist, sondern zeigt, was passiert, wenn ein solches „Produkt“ in die falschen Hände gerät. Die dabei immer wieder auftretenden Zeitsprünge waren für meinen Geschmack etwas zu ruckartig. Auch das bis ins äußerste Extrem getriebene Spiel des Autors erfüllte mich gen Ende eher mit Irritation als Amüsement.

Mein Fazit: Denkanstöße waren viele dabei – für meinen Geschmack fast zu viele. Ich fühlte mich teilweise von dem Roman ein wenig an der falschen Stelle berührt. Denn Während der Anfang in meinen Augen viel Humor versprach und so viel Potential in sich trug, wechselte der Eindruck irgendwann in das Groteske und für meinen Geschmack zu stark Überspitzte. Vielleicht bin ich zu nahe an der Thematik der NS-Zeit dran und kann darum nicht darüber lachen, aber vielleicht ist der Roman auch in Wahrheit nicht halb so lustig, sondern dafür so beklemmend, wie ich es zum Teil empfunden habe.
Wer das beachtet und mit der entsprechend korrigierten Erwartung an das Buch herangeht, wird aber nach wie vor ein lesenswertes Stück Literatur vorfinden!

Die harten Fakten:

Francois Saintonge – Dolfi und Marilyn.
14,99 €
erschienen im carl’s books Verlag
ISBN: 978-3-570-58537-5

Ich bedanke mich beim carl’s books Verlag für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares!   

6 Gedanken zu „Francois Saintonge – Dolfi und Marilyn

  1. Goldkind

    Achtung – ein echt seltener Moment! Ich glaube, mit der Zukunfts-Clonen-Ethik-Thematik hier könnte ich mich wirklich gut anfreunden, da habe ich schon einige gute Sachen gelesen.
    Allerdings wird mir auch etwas flau im Magen, wenn ich mir vorstelle, die humoristische Seite mit NS-Geschichte zu verbinden. Ich bin bei sowas ja nicht zimperlich, aber da braucht es wirklich ein gutes Händchen für das richtige Maß, sonst wird das ganz schnell zur Katastrophe…

    Schwierige Thematik!

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    1. palandurwen Artikelautor

      *hihi definitiv, die Denkanstöße darin könnte ich mir tatsächlich auch interessant für dich vorstellen. Aber der Rest wird wahrscheinlich nicht ganz so gut zu deinen literarischen Vorlieben passen, das stimmt.
      Die NS-Geschichte (im doppelten Sinne) ist btw. wie gesagt dann im Endeffekt gar nicht so lustig. Zumindest traf es da nicht ganz meinen Humornerv ^^;
      Wenn du irgendwann mal wieder Langeweile in Sachen lesen haben solltest, weißt du ja, leih ich dir gerne ^^

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  2. Jen

    Hmmm, das klingt schon stellenweise schwierig. Ich bin ja grundsätzlich – so ganz gegenteilig zum Klischee der humorlosen Feministin 😉 – immer dafür zu haben, wenn die NS-Zeit und auch Hitler auf die Schippe genommen werden, solange das in einem Maß stattfindet, wo es absurd oder verharmlosend wird. Wahrscheinlich auch der Grund, weshalb "Er ist wieder da" auch zwiespältige Rezensionen bekommen hat.
    Das Thema Klonen an sich, finde ich spannend. Da gibt es ja diverse Ansätze. Aber ich versehe ich das richtig, dass sie quasi nicht nur Adolf geklont haben, sondern sein Gedankengut gleich mit?

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    1. palandurwen Artikelautor

      ich kann mich auch schon mit Hitler-Parodien anfreunden, wenn sie gut gemacht sind. ^^ Allerdings ist es hier keine Parodie in meinen Augen, sondern eher eine tatsächliche was-wäre-wenn-Entgleisung.

      Das Gedankengut wird den Klonen übrigens nicht mitgeklont. Sie sind eigentlich zunächst ganz friedliche, abstinente und devote Hüllen ihrer selbst. Mehr wie Roboter als alles andere. Aber sie können dann individuell auf die "Vorlieben" der Besitzer zugeschnitten werden und bekommen Unterricht entsprechend deren Ideen und Wünsche – teilweise noch vor dem Verkauf (quasi wie eine customs order), teilweise dann erst beim Besitzer.
      Wenn ich einmal spoilern darf:
      ***ACHTUNG****
      In diesem Buch ist Dolfi zunächst ein frommes Lamm und wird dann aber entsprechend bestimmter Ideale dressiert, wenn du verstehst, was ich meine 😉

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  3. Tashi Baem

    Eine sehr schöne Rezesion hast du geschrieben.
    Wobei mich allein das buchcover schon abgeschreckt hätte, das empfinde ich schon als Too-Much ehrlich gesagt Für mich sind solche Bücher sowieso nichts. Da sie keinerlei oder nur sehr wenig Spannung enthalten und mich somit überhaupt nichts Reizen.

    Liebe Grüße
    Tashi
    http://herzverueckt.blogspot.de/

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    1. palandurwen Artikelautor

      Danke schön 🙂

      Ich gebe ja zu, es ist kein Krimi und kein Thriller – aber ich würde jetzt auch nicht sagen, dass das Ganze komplett ohne Spannung wäre 😉 Gerade in der zweiten Hälfte wechselt es schon fort von dem Amüsanten, hin zu einem etwas Drückenderen Grundtenor.
      Aber ich kann gut verstehen, dass es nicht jeder Manns Sache ist – ich mag ja auch nicht alles lesen ^^

      Ich freue mich wie gesagt über deinen Besuch bei mir, komm bald wieder! ^^
      Liebe Grüße

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