Das Motivationsreh.
Die Tage fliegen, die Wochen springen, wie junge Rehe auf dem Feld – man sieht nur noch den kleinen, niedlichen weißen Fleck der Unterseite ihrer Minischwänzchen und hopp, hopp, hopp sind sie ins Unterholz verschwunden, hat man sich ihnen einmal zu rasch genähert.
Ganz ähnlich verhält sich momentan meine Motivation. Mit dem Gedanken im Nacken, dass die Zeit drück, ein Plan mit jedem Tag des Nichtstuns mehr ins Wanken gerät und die freien Minuten sich wie staatlicher Hochverrat anfühlen, lässt sich irgendwie wirklich schlecht arbeiten. Die Motivation weiß, ich brauch sie, ich muss ja nur mal kurz in ihre hübschen Rehäuglein schauen, dann würde es mir schon wieder besser gehen und die Angst vor dem strafenden Einsatzkommando, welches sich jede Sekunde von meiner Zimmerdecke abseilen könnte, würde mal wieder etwas abrücken. Doch nein, hopp hopp hopp und weg ist sie.
Ich lege also Köder aus und warte auf ihre Rückkehr. Mit jedem verstrichenen Augenblick fühle ich mich schlechter, schuldiger, nutzloser. Ich muss einen unangenehmen Geruch ausstrahlen, den der Versagensangst oder des Selbstmitleids, ich weiß es noch nicht genau – aber das scheint auf jeden Fall mein kleines Motivationsreh gehörig abzuhalten an meinen verteilten Leckerlies zu knabbern. Kein „hey, wenn ich ein bisschen was geschafft habe, geh ich Nagellack kaufen!“ hilft und das „Nach zwei Seiten höre ich auf und esse leckeren Kuchen!“ zieht schon längst nicht mehr. Mein Reh bleibt verschwunden.
Irgendwann versinke ich in Resignation und beschließe, dann wird es eben nichts. Mein Dusterklumpen räuspert sich und beginnt leise seine neue Lieblingsarie anzustimmen: „Du wirst versagen, du fällst durch, dein Studium war umsonst!“ – Und was soll ich sagen? Vor lauter Zynismus stimme ich mit ein und schmettere irgendwann ganz inbrünstig den Refrain „Taxifahren muss gelernt sein, denn in der Pommesbude stinkt es! Da will keiner hin, das hat doch keinen Sinn!“
Und just in dem Moment, als ich mich schließlich tatsächlich ins Bett lege, ein gutes Buch zur Hand nehme und schmollend zu lesen beginne – da klingelt ganz leise eine meiner Fallen und siehe da: Mein Reh ist wieder zurück gekommen. Ich werfe ihm aus einiger Entfernung noch ein weiteres kleines Leckerli zu und erfreue mich an seinem Anblick, bevor ich mich mit hochgekrempelten Ärmeln wieder an meine Arbeit begebe.
Mein Dusterklumpen brüllt ganz laut: „Kusch! Kusch! Hau Ab, blödes Vieh!“, aber das interessiert mein Motivationsrehlein nicht sonderlich. Solange ich es nicht bedränge und es kommen und gehen kann, wie es will, bleibt es zufrieden mümmelnd in Sichtweite sitzen. Und das ist auch gut so, das reicht mir!




















