Antoine Laurain – Der Hut des Präsidenten

Ihr Lieben!

Schon vergangenes Jahr auf der Leipziger Buchmesse, erspähte ich dieses wunderschöne Cover beim Stand des Atlantik Verlages, das mich direkt fing: Ein schöner heller Blauton, darauf nur die rotgefärbten Silhouetten von zwei Menschen. Der Titel – Liebe mit zwei Unbekannten. Und siehe da – der Autor ist Franzose, der Plott schien typisch charmant – ich wollte es also haben!

Überall wurde dieses Buch gehypt und bejubelt und ich habe bisher dieses schöne Stück Literatur leider immer noch nicht in die Finger bekommen – weder als Rezensionsexemplar, noch als „normaler Kauf“. Aber als ich dann wieder einmal in der Verlagsvorschau so ein tolles Cover sah – da war ich schnell genug! Und darum kann ich euch heute Antoine Laurains Roman „Der Hut des Präsidenten“ vorstellen!

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Der Präsident Frankreichs vergisst im November 1986 seine schwarze Filzkopfbedeckung eines Abends in einer Brasserie in Paris und setzt damit eine unglaubliche Ereigniskette in Gang: Große Künstler finden Inspiration, kleine Angestellte Mut, traurige Seelen können sich endlich ihrem Glück zuwenden und wiederum andere erhalten eine völlig neue Sichtweise auf das Leben – und das alles nur, weil sie den Hut des Präsidenten auf ihr Haupt setzen. Kann das wirklich sein?

„Francois Mitterand hatte seinen Hut vergessen. Der Satz nahm Gestalt in seinem Kopf an. Das ist Mitterands Hut. Er liegt da, neben dir. Das ist das Zeugnis der Realität dieses Abends, der zwingende Beweis, dass er tatsächlich stattgefunden hatte. Daniel drehte sich erneut zu dem Hut um, der sorgsam zwischen Messingstange und Spiegel abgelegt worden war. (…)

Er fuhr lange durch die Straßen, kreiste mehrmals durch sein Viertel, bevor er im fünften Untergeschoss seines Parkhauses anhielt. (…) Ein Gefühl des Vertrauens, angenehm wie ein warmes Bad, erfüllte ihn. Im leeren Wohnzimmer setzte er sich aufs Sofa und betrachtete im grauen Fernsehbildschirm sein Spiegelbild; er sah die Umrisse eines sitzenden Mannes mit Hut, der langsam den Kopf drehte und nickte. Er versank eine gute Stunde in der Betrachtung seines Bildes und fühlte sich von einer fast mysteriösen Heiterkeit erfüllt.“

Der Hut des Präsidenten, S. 28f., S. 32.

Uns allen ist es schon einmal passiert – in der Straßenbahn, in einem Restaurant oder im Park: Wir haben ein Kleidungsstück vergessen. Keine große Sache, denkt man sich meistens. Allerdings haben wir dabei wohl auch noch nie überlegt, was mit diesen Verschwund-Objekten noch passieren könnte. Vielleicht beeinflussen sie ja den Lauf eines Lebens ganz erheblich? Vielleicht kann dieses Wunder aber auch nur ein ganz besonderes verlorenes Stück zu Wege bringen – wie der Hut eines Präsidenten.

Diese charmante Idee verfolgt Antoine Laurain in seinem 239 Seiten starken Roman auf eine zierliche, amüsante und gleichzeitig aber auch zum Nachdenken anregende Art und Weise. Denn so einfach der Gedanke auch anmutet – so spannend ist es doch, wie allein solch ein kleines Stück schwarzer, geformter Filz das Leben von ganz verschiedenen Menschen beeinflussen können soll.

Die Figuren sind dabei eine breite Mischung aus allen Gebieten – von der unglücklich Verliebten, über den depressiven Künstler, vom scheuen Finanzangestellten bis zum gelangweilten Altadel. Unterschiedlicher könnten die Leben der vier Hauptfiguren kaum sein und dennoch sind ihre Probleme so real und greifbar – denn sie alle stecken an einem gewissen Punkt in ihrem Leben fest. Laurain weiß dieses Gefühl mit einfühlsamen Worten und dieser leichten Sprache, die Franzosen so perfektioniert haben, dem Leser darzustellen. Mal als allwissender Erzähler, mal aber auch mit Elementen des Briefromans, was die ganze Sache auflockert und abwechslungsreich gestaltet.

Es sind die kleinen Details, die die Situationen im Roman greifbar machen. Ob es nun die ewige Monotonie der Zugfahrt zum geheimen Treffpunkt für eine Affaire ist, die eigentlich schon lange nicht mehr, vielleicht sogar nie, glücklich machte. Oder ob es dieser innere Frust gegenüber der eigenen Welt ist, die zwar bequem anmutet, dabei aber eng und antiquiert ist in ihren Ansichten und Gewohnheiten. Warum nicht ausbrechen?

Und dass ausgerechnet ein unscheinbarer schwarzer Hut – den fast alle zufällig in die Hand bekommen, ohne zu wissen, wer der Eigentümer ist – plötzlich Beihilfe leisten kann, ein Leben komplett umzukrempeln ist wahnwitzig – und genial! Denn es sind eben genau solche Details, die das Leben verhunzen oder aber eben auch bereichern können.

Mit diesen Gedanken jongliert Antoine Laurain wunderbar, ohne sie zu tiefgründig und schwer werden zu lassen. Es ist ein Spiel, welches durch mehrere unerwartete Wendungen auch nie langweilig wird. Denn während einer den Hut vergisst, wird einem anderen dieser gestohlen. Und die Frage bleibt: Wo will der Hut denn noch hin?

Mein Fazit: Tja, wo will er nur hin? Davon sollten sich Fans moderner, französischer Literatur definitiv selbst überzeugen! „Der Hut des Präsidenten“ ist eine leichte literarische Praline, die auf der Zunge genussvoll zergehen kann.

Die harten Fakten:

Antoine Laurain – Der Hut des Präsidenten.
20,00 €
erschienen im Atlantik Verlag
ISBN: 978-3-445-65022-8

Ich bedanke mich beim Atlantik Verlag für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares!

5 Gedanken zu „Antoine Laurain – Der Hut des Präsidenten

  1. Goldkind

    Du schreibst ja schon wieder mit Essensvergleichen – immer noch hungrig? *g*
    Ich bin ja nicht ganz so der Fan dieser Literatur, aber ich kann mir grad sehr gut vorstellen, wie dieses Buch verfilmt wird. Das wäre sicherlich auch unterhaltsam. 🙂

    Und ganz nebenbei finde ich es ja oft amüsanter, was Leute so vergessen. ^^ Das beste, was ich in letzter Zeit hatte: Ein frisch erworbener und ziemlich hübscher Spitzen-BH. In der Straßenbahn. ^^

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    1. palandurwen Artikelautor

      *kicher witziger weise *wird* das Buch aktuell auch verfilmt, soweit ich weiß – ich freu mich schon drauf ^^
      (und ich bin immer hungrig XD)

      *hahaha ein BH? in der tram? das ist ja genial ^^
      Sowas schönes ist mir bisher noch nicht begegnet *kicher
      … wäre doch auch mal was für ein Buch XD

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    1. palandurwen Artikelautor

      hihi ^^ Wenn dir das gefällt, stöber doch mal durch meine „Kritikfabrik“ – ich habe viele französische Titel vorgestellt 😉

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